Ein Design System ist die zentrale Infrastruktur für konsistente digitale Produkte. Von Design Tokens über Komponenten bis Dokumentation – wie Systeme Effizienz und Qualität sichern.
Stell dir vor, ein Unternehmen hat eine Website, eine App, Präsentationen, Printmaterialien und Social-Media-Kanäle – und jedes Medium sieht ein bisschen anders aus. Die Farben weichen leicht ab, die Abstände sind mal größer, mal kleiner, die Buttons haben auf jeder Seite eine andere Form. Einzeln fällt das kaum auf. In der Summe wirkt der gesamte Auftritt unkoordiniert und unprofessionell.
Genau dieses Problem lösen Design Systeme. Sie sind die zentrale Infrastruktur für konsistente digitale Produkte – und inzwischen weit mehr als ein Trend. Von Google über Salesforce bis zur Bundesregierung: Jede Organisation, die ernsthaft digitale Produkte entwickelt, arbeitet heute mit einem Design System. In diesem Artikel erklären wir, was ein Design System ist, woraus es besteht und warum es auch für kleinere Unternehmen relevant sein kann.
Ein Design System ist eine Sammlung von Regeln, Prinzipien, Komponenten und Dokumentation, die sicherstellt, dass digitale Produkte konsistent gestaltet und entwickelt werden. Es verbindet Design und Entwicklung über eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Bausteine.
Was ein Design System nicht ist: ein Styleguide. Auch kein UI-Kit. Auch keine Komponentenbibliothek. Es kann all diese Dinge enthalten – aber es ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein Design System ist ein lebendes System, das sich weiterentwickelt und als Werkzeug für Teams funktioniert, nicht als statisches Dokument in einer Schublade.
Ein Styleguide beschreibt die visuellen Grundlagen: Farben, Schriften, Logo-Nutzung. Er ist oft statisch, als PDF erstellt und richtet sich primär an Designer:innen. Eine Komponentenbibliothek (auch Pattern Library) enthält wiederverwendbare UI-Elemente wie Buttons, Formulare oder Navigationen. Ein Design System geht darüber hinaus: Es definiert nicht nur, wie etwas aussieht, sondern auch warum es so gestaltet ist, wie es technisch implementiert wird und wie es korrekt angewendet wird.
Bevor Farben gewählt oder Komponenten gebaut werden, braucht ein Design System ein Fundament: Prinzipien, die beschreiben, welche Werte und Haltungen das Design verkörpern soll. Klarheit vor Dekoration, Konsistenz vor Individualität oder Zugänglichkeit als Standard, nicht als Nachgedanke – solche Prinzipien geben Orientierung bei jeder Gestaltungsentscheidung.
Design Tokens sind die kleinsten Bausteine eines Design Systems. Sie speichern Designentscheidungen als benannte Variablen – plattformunabhängig und technologieneutral. Statt hart codierter Werte wie #0044CC wird ein Token definiert: zum Beispiel color.brand.primary. Dieser Token kann in Figma, in CSS, in einer React-App und in einer nativen iOS-App identisch referenziert werden.
Die Idee stammt von Salesforce, das 2014 sein Lightning Design System mit dem Konzept einführte. Heute unterscheidet man drei Ebenen: Primitive Tokens (die reinen Werte, z. B. eine Farbskala), Semantische Tokens (die Bedeutung tragen, z. B. interaction-color-default) und Component Tokens (die für spezifische Komponenten gelten, z. B. button-primary-background).
Der größte Vorteil: Wenn die Markenfarbe geändert werden muss, wird ein einziger Token angepasst – und die Änderung wirkt sich automatisch auf alle Komponenten, alle Plattformen und alle Anwendungen aus. Ohne Tokens müssten hunderte Stellen manuell aktualisiert werden.
Das Design System definiert die visuelle Sprache: Farbpalette (mit Primär-, Sekundär-, System- und Neutralfarben), Typografie (Schriftfamilien, Größenstufen, Zeilenabstände), Spacing-System (ein konsistentes Raster für Abstände), Ikonografie (Stil, Größen, Strichstärken) und Bildsprache (Fotografiestil, Illustrationsregeln). All diese Elemente werden als Tokens und Guidelines dokumentiert – in Designtools wie Figma und gleichzeitig im Code.
Das Herzstück für den Alltag: wiederverwendbare Bausteine wie Buttons, Eingabefelder, Karten, Navigationen, Modals und Tabellen. Jede Komponente existiert in mehreren Zuständen (default, hover, active, disabled, error) und wird sowohl als Design-Asset in Figma als auch als Code-Komponente bereitgestellt.
Gute Design Systeme folgen dabei dem Atomic-Design-Prinzip, das Brad Frost 2013 vorgestellt hat: Atome (kleinste Elemente wie Icons oder Labels) werden zu Molekülen kombiniert (z. B. ein Suchfeld aus Input und Button), diese zu Organismen (z. B. ein Header mit Logo, Navigation und Suchfeld) und schließlich zu Templates und Seiten. Mit Design Tokens hat sich diese Hierarchie noch um eine Stufe erweitert: Tokens sind jetzt die Ebene unterhalb der Atome.
Ein Design System ist nur so gut wie seine Dokumentation. Jede Komponente braucht eine Beschreibung ihres Zwecks, Dos and Donts für die Anwendung, Code-Beispiele und Hinweise zur Barrierefreiheit. Ohne verständliche Dokumentation wird selbst das beste System nicht genutzt – weil niemand weiß, wie es angewendet werden soll.
Je mehr Kanäle ein Unternehmen bespielt – Website, App, Social Media, E-Mail, Print – desto größer wird das Risiko für Inkonsistenzen. Ein Design System stellt sicher, dass ein Button überall gleich aussieht und funktioniert, dass Abstände einheitlich sind und dass die Marke auf jedem Kanal wiedererkennbar bleibt.
Ohne Design System wird jede neue Seite, jedes neue Feature von Grund auf gestaltet und entwickelt. Mit Design System greifen Teams auf bestehende, getestete Bausteine zurück. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch Fehler und Abstimmungsaufwand. Neue Seiten können aus vorhandenen Komponenten zusammengesetzt werden – statt jedes Mal das Rad neu zu erfinden.
Design Systeme – besonders Token-basierte – schaffen erstmals eine gemeinsame Sprache zwischen Designer:innen und Entwickler:innen. Wenn beide Seiten mit denselben Tokens, denselben Komponentennamen und denselben Regeln arbeiten, reduziert sich die Übersetzungsarbeit massiv. Änderungen im Design können direkt in den Code übernommen werden, ohne manuelle Interpretation.
Einige der bekanntesten Design Systeme sind öffentlich zugänglich und dienen als Inspiration und Lernressource. Googles Material Design ist eines der umfangreichsten Systeme weltweit mit detaillierten Vorgaben für Farbe, Typografie, Bewegung und Interaktion. Atlassians Design System besticht durch ein besonders durchdachtes Token- und Farbsystem. Apples Human Interface Guidelines decken nicht nur visuelle Gestaltung ab, sondern auch Bewegung, Copywriting und inklusives Design. Das Lightning Design System von Salesforce war Vorreiter bei Design Tokens und hat eine der umfangreichsten Token-Bibliotheken.
Nicht jedes Unternehmen braucht ein System mit 80 Komponenten und drei Plattformen. Aber jedes Unternehmen, das mehr als eine digitale Anwendung betreibt oder mit mehreren Personen an Designthemen arbeitet, profitiert von den Grundprinzipien: definierte Farben und Schriften als Tokens, wiederverwendbare Kernkomponenten und eine verständliche Dokumentation.
Ein Design System muss nicht die Dimension von Google oder Salesforce haben. Für kleine und mittelständische Unternehmen kann eine skalierte Version – mit den wichtigsten visuellen Grundlagen, einem Satz Kernkomponenten und klaren Anwendungsregeln – bereits enormen Mehrwert schaffen.
Bei Büro Bloock bauen wir Corporate Designs und Websites als Systeme – nicht als Einzellösungen. Jede Website, die wir in Webflow umsetzen, basiert auf definierten Variablen, wiederverwendbaren Klassen und einer klaren Komponentenlogik. Das Ergebnis: Websites, die nicht nur gut aussehen, sondern von Teams weiterentwickelt und skaliert werden können – ohne dass bei jeder Änderung alles auseinanderfällt.